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Markt und Meinung - August 2011
 
05.08.2011 09:45

Markt und Meinung - August 2011

 

Heut’ geh’ ich ins Maxim …

Wie alt ist eigentlich Jopi Heesters? 100 Jahre? 200 Jahre? Gar ein halbes Jahrtausend? Auch wenn der gelernte Charmeur, der Frack- und Zylinderständer gefühlte Millenien auf dem Buckel hat, so reicht sein Alter dann doch nicht heran an jenes der griechischen Antike, der wir alle unsere kulturellen Wurzeln verdanken. Im Vergleich dazu – dies nur nebenbei bemerkt – muss jede tea party verblassen. Auch wenn sie von Sarah Palin, der reaktionären Vorzeige-Matrone des Murdock-Senders Fox, immer und immer wieder heraufbeschworen wird.

Nun ja, die Griechen, die Italiener, die Spanier, die Portugiesen. Und bald auch die Franzosen. Vieles können wir, die äußerst pflichtbewussten und deshalb irgendwie schon protestantisch oder gar calvinistisch geprägten Deutschen, von unseren unmittelbaren und auch mittelbaren Nachbarn lernen. Die Gelassenheit beispielsweise und wohl auch den Optimismus von in sich ruhenden Menschen.

Bei dieser Gelegenheit: Optimismus ist, wenn Jopi Heesters sich noch zur Vorsorgeuntersuchung anmeldet. Womit wir elegant den Bogen geschlagen haben vom Bühnen-Methusalix zur südeuropäischen Antike. Bei dieser Gelegenheit: Es wird kolportiert, dass der Seidenschal tragende Grandseigneur des geriatrischen Entertainments jüngst sein Navi-Gerät endgültig entsorgt hat. Die weibliche Computerstimme habe den fahrenden Holländer ziemlich genervt, so ist zu hören, weil sie immer beim Passieren eines Friedhofes flötete „Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Auch dies ein Beweis, sollte er denn richtig sein, eines unerschütterlichen Optimismus‘.

Diesen kann wohl in der Tat nur haben, wer schon fast alles gesehen und das meiste erlebt hat. Uns Sterblichen hingegen fällt eine solche Zuversicht schwer. Etwa beim Blick auf die Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Ihr zufolge sind an den weltweiten Kapitalmärkten gerade Schuldverschreibungen im Gegenwert von nominal 67 Billionen Euro, also fast hundert Billionen US-Dollar, im Umlauf. Das ist übrigens eine Zahl mit zwölf Nullen hinter den beiden Anfangsziffern. Selbst für jemanden, der nicht Klassenbester in der Sonderschule gewesen ist, dürfte dies ziemlich schwer verdaulich sein.

Dieses Schuldengebirge entspricht übrigens derzeit rund 130 Prozent der weltweit jährlichen Wirtschaftsleistung. Was schon Ende des Jahres oder erst recht im kommenden Jahr noch weitaus bedrohlicher ausschauen dürfte. Zum Vergleich: Die globalen Aktienbörsen kommen Anfang August auf eine Marktkapitalisierung von 55 Billionen US-Dollar. Es besteht die berechtigte Chance, dass es zu Silvester 2011 und erst recht im kommenden Jahr einige Billiönchen weniger sein könnten.

Gleichwohl ist die Frage berechtigt, ob man als noch nicht einmal halb gebildeter Privatinvestor da noch genau hinschauen sollte. Geschweige denn, sich über die Zukunft seines mühsam zusammengekratzten Vermögens Gedanken machen, so dass es einem angesichts der denkbar wackligen Perspektiven den Angstschweiß nicht nur unter die Achseln treibt.

Zweifellos, wir sind angesichts der Schuldenkrise ziemlich bescheiden geworden. Mittlerweile akzeptieren selbst institutionelle Anleger wie Versicherungen, Pensionskassen oder Family-Offices zumindest vorübergehend eine negative Realrendite in Deutschland. Denn jüngst stieg der Kurs der zehnjährigen Bund so deutlich, dass sich die Rendite auf weniger als 2,4 Prozent stellte. Und das bei einer aktuellen Inflationsrate von eben 2,4 Prozent. Vermögenserhalt, hier und da sogar ein paar Schnäpse weniger, hat somit auch und selbst für Großanleger – zumindest derzeit – die mit Abstand höchste Priorität. Wir privaten Kleinkrämer sollten uns daran, so schwer dies auch fallen mag, ein Beispiel nehmen. Bis auf Weiteres...

Dabei ist niemand gezwungen, sich mit einem negativen Realzins zu begnügen. Ist doch die Volatilität an beiden, den Renten- und den Aktienmärkten, jüngst wieder spürbar gestiegen. Pfiffige Investoren nutzen die deutlichen Ausschläge nach oben und nach unten und holen mit den zu dieser Marktphase passenden Zertifikaten eine durchaus attraktive Überrendite heraus. Die konservativste Variante sind Garantie-Zertis, die – abhängig vom Underlying und der Laufzeit -  durchaus vier und mehr Prozent im Jahr bringen können, falls denn dem Emittenten vorher à la Lehman nicht die Luft ausgeht.

Und wer sich noch besser auskennt, bastelt sich sein eigenes Garantiezertifikat. Indem er zwischen 85 und 90 Prozent seines Vermögens in eine Nullkuponanleihe mit bester Emittenten-Qualität investiert, für den Rest – wohl dosiert, wie sich versteht – in spekulative Hebelpapiere hineingeht, um so mehr als nur den Kaufkraftverlust seiner Ersparnisse auszugleichen.

Man kann natürlich auch Haus und Hof komplett in Gold tauschen. Doch das ist bei rund 1.700 US-Dollar je Feinunze zu Recht nicht jedermanns Sache.

Ganz und gar lohnende Alternative wäre zweifellos eine grandios verzinste Renten- oder Riester-Versicherung von der ERGO. Vermittelt selbstverständlich durch die Verkaufstruppe Hamburg Mannheimer International (HMI). Wobei ich mir irgendwelche Kalauer über jene aus der usbekischen Tiefebene nach Budapest gekarrte und aufpolierte Edel-Prostituierte sowie sabbernde Policenverkäufer erspare. Stattdessen lasse ich eine namhafte Wirtschaftszeitung sprechen mit ihrer unübertroffenen Titelzeile „Coito ergo sum“. Was jetzt noch fehlt, wäre die Überschrift „Kopflos in der Oben-ohne-Therme“.

Aber das kommt sicherlich noch. Vielleicht sobald Jopi nach – wegen des fehlenden Navis – langem Umherirren endlich den Ort seiner Vorsorgeuntersuchung gefunden hat. Habe die Ehre…


Verfasser:
Heinz-Josef Simons, Finanzjournalist aus Köln
Erstellungsdatum: 05.08.2011


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