Markt und Meinung - Januar 2012
Nichts als die brutalst-mögliche Wahrheit
Mal ganz ehrlich, wie viele gute Vorsätze hatten Sie für das neue Jahr? Vielleicht ein rundes Dutzend? Und wie viele davon schon kurz nach Mitternacht wieder gebrochen? Zwölf? Aha! Sie sehen mich relativ schwer erleichtert. Ob der Tatsache nämlich, dass ich offenbar nicht der Einzige bin, bei dem zwischen hehrer Absicht und der normativen Kraft des Faktischen nur wenig Zeit vergeht. Bei einer beileibe nicht repräsentativen Umfrage in meinem Freundes-, Bekannten- sowie KollegInnen-Kreis gaben sechs von sechs Angesprochenen glaubhaft zu verstehen, dass sie wieder rauchen, seit Silvester im Schnitt 2,4 Mal sturzbetrunken waren und ohne das Wissen des Partners/der Partnerin weiter regelmäßig einschlägige Internet-Kontaktseiten aufsuchen. The same procedure as last year, the same procedure as every year.
Wobei … jeder Jahreswechsel hat so seine krawall- und krawummmäßige Symbolkraft. Aber wirklich gute Vorsätze sind zeitlos, eigentlich passen sie jeden Tag. Ganz bestimmt, was das oft beschauliche, bisweilen betuliche Privat- und Familienleben angeht. Nehmen Sie sich doch gemeinsam mit Ihrer/Ihrem Liebsten einmal vor, immer nur die Wahrheit zu sagen, nichts unter den Tisch fallen zu lassen, offen über alles zu reden. Sie werden sehen, Sie erschließen sich dadurch ein wahres Universum faszinierender Möglichkeiten, die im Sinne des griechischen Dramas – eine wohltuende kathartische Wirkung zeitigen.
Deshalb jetzt also jeweils ein Vorschlag für sie und ihn zum Start einer gepflegten Kommunikation miteinander. Wobei sich die tatsächliche Tragweite dieser sicherlich recht gefühlig hingehauchten Sätze, auch das hat eine nicht-repräsentative Umfrage im gleichen Kreis wie eben ergeben, erst nach mehrmaligem Lesen und wiederholtem Nachsprechen ergibt.
Also zunächst er, nur der Wahrheit verpflichtet, beim Frühstück zu seiner Frau: „Schatz, manchmal vergleiche ich dich gern mit einer attraktiven Frau.“ Sie gleich im Anschluss zu ihrem Angetrauten, der tatsächliche 15 und gefühlte 30 Jahre älter ist: „Schatz, als du vergangenen Samstag die Augen verdreht hast, wusste ich nicht, ob du kommen oder gehen wolltest.“ Manch einer mag nun bezweifeln, ob der Vorsatz, insbesondere im Familiären nichts als die brutalst-mögliche Wahrheit zu sagen, dann doch so sinnvoll und glücklich ist.
Was wir uns stattdessen wünschen ist, dass Politiker endlich mal die nackte Wahrheit sagen und dabei so gut wie keinen Murks verheimlichen. Diese Art der Wahrheit ist für uns nicht nur höchst-unterhaltsam, sondern setzt auch die Beziehung mit der/dem Liebsten nicht aufs Spiel. Im Gegenteil, diese Art Wahrheit ist höchst lustfördernd Tratschsinne, sobald der abendliche und aus Kindern, Kirche und Küche bestehende Themenkatalog erschöpft ist. Also, Vorschläge kurz nach Silvester 2011 für wahrheitsliebende Politiker:
Silvio B.: Ja, allein ich bin verantwortlich für mindestens die Hälfte des italienischen Haushaltsdefizits, umgerechnet 20 Billionen Euro, weil ich das Geld für den Besuch aller möglichen Amüsierschuppen überall auf der Welt ausgegeben habe.
Angela M.: Ich kann den Euro nicht retten. Europa auch nicht. Die Welt ebenfalls nicht. Die Koalition mit der FDP sowieso nicht. Und ja, ich kann deren Bubis allmählich nicht mehr ertragen.
Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu G.: Ja, ich geben jeden Monat rund 500 Euro für Haargel aus. Und mein richtiger Vorname lautet Xerox Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester.
Gerhard S., ehemaliger Bundeskanzler: Putin ist kein Demokrat.
Helmut S., Ex- und künftiger Bundeskanzler: Ich kann alles, ich weiß alles, ich mach’ alles, ich hab’ immer Recht.
Der Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt: Wir haben längst alles gewusst.
Das wird ein Spaß, dass es uns die Tränen der Freude in die Augen treibt. Aber erleben werden wir das nicht. Nicht heute und auch nicht in hundert Jahren. Weshalb wir uns besser auf einem anderen Felde der Lust und des Lamentierens lümmeln, da wir doch Beziehung und Politik als nicht wahrheitstauglich abgehakt haben. Es geht also um die Märkte. Märkte mit rollendem und mindestens sechsfach „R“ gesprochen. Märrrrrrkte also. Denn im Gegensatz zum künftigen Kanzler Helmut S. haben die Märrrrrrkte immer Recht. Weshalb die Märkte mit sechs „R“ die wahren Herrscher unserer Welt sind. Wahlweise Despoten, Oligarchen, Diktatoren, Tyrannen. Weshalb Politik und Politiker so gut wie keine Gestaltungsmacht und Entscheidungsfreiheit mehr haben.
Wir – das Volk – als Souverän sowieso noch nie. Also, falls denn die Märkte – woran niemand zweifelt – tatsächlich Recht haben, was machen sie denn im neuen Jahr? Ganz einfach, sie nehmen Kerneuropa ins Visier, letztlich sämtliche noch verbliebenen Triple-A-Staaten. Im Dezember ist die Rating-Agentur Standard & Poor’s ja schon einmal vorgeprescht mit ihrer Drohung, alles was in Europa nicht bei 3 auf dem Baum ist, herabzustufen. Da wird es wirklich Zeit, dass die Märrrrrrkte short gehen, falls sie das nicht schon längst getan haben.
Auf diese Weise fügt sich eins zum anderen, weil Spekulanten mit der neuen Sau, die in den nächsten Monaten durchs Dorf getrieben wird, unermesslich viel Geld verdienen werden. Die Bedenken unverbesserlicher Pessimisten und Naivlinge, dass es bald keine Schweine mehr zum Treiben durchs Dorf gibt, sind unbegründet. Auf der Erde leben mittlerweile sieben Milliarden Menschen, von denen ungefähr die Hälfte nichts bis überhaupt nichts hat – außer Hunger und Angst vor morgen. Da wird es doch in den nächsten paar hundert Jahren genug Möglichkeiten geben, ordentlich Geld zu verdienen. Tolle Aussichten auch für uns als Privatanleger? Wie man’s nimmt. Geld verdienen wollen wir alle. Doch um welchen Preis muss jeder für sich entscheiden. Und jeder sollte dabei nichts als die brutalst-mögliche Wahrheit wenn nicht sagen, dann doch denken. Der seelischen Hygiene zuliebe.
Verfasser:
Heinz-Josef Simons, Finanzjournalist aus Köln
Erstellungsdatum: 08.12.2011
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