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Markt und Meinung - November 2011
 
04.11.2011 10:49

Markt und Meinung - November 2011

 

Letzter, allerletzter, allerallerletzter Sirtaki

Über den Griechen als solchen und Griechenland an sich war an dieser Stelle wiederholt zu lesen. Etwa dass gefühlte 40 Prozent der Hellenen das finale Servus als durchaus erstrebenswert empfinden, weil die Rente dann weiter gezahlt wird und der arbeitslosen nächsten und übernächsten Generation zugute kommt. Oder dass sich von der "occupy"-Bewegung eine durchaus ernst zu nehmende Truppe von Feinschmeckern abgespalten hat und mit dem Slogan "Eat more Tsaziki and Oliven" der Exportwirtschaft auf dem Peloponnes wieder auf die Beine helfen möchte. Selbstredend ungeachtet der Tatsache, dass das – zugegeben – sehr leckere weiße Zeugs bisweilen Probleme in den Straßenbahnen der Kölner Verkehrsbetriebe verursacht, weil die Emissionen der griechischen Paste-liebenden Fahrgäste mehr als nur grenzwertig sind. Vom ebenfalls knofigetränkten Krautsalat – gern abends schüsselweise verzehrt – ganz zu schweigen.In Griechenland stand die Wiege der Demokratie, heißt es. Und falls man Wikipedia glauben kann, stimmt das auch. Allerdings stellt sich die Frage, wie viel Demokratie unsere Gesellschaft erträgt. Eine repräsentative Demokratie nach westlichem Muster ist zweifellos soweit in Ordnung. Falls denn die gewählten Volksvertreter den Fraktionszwang ernst nehmen und den Anspruch, ausschließlich ihren Gewissen verpflichtet zu sein, eher als Petitesse werten, die im politischen Alltagsgeschäft, wenn’s hoch kommt, allein symbolische Bedeutung hat. Ausschließlich seinem eigenen Gewissen verpflichtet zu sein hat zweifellos zumindest den Hauch von Basisdemokratie. Bei ihr verhält es sich wie mit Alkohol und Medikamenten. Sie sind am sinnvollsten und wirksamsten in Maßen genossen. Zu viel davon ist Gift. Und zu viel Basisdemokratie macht ein Land auf Dauer unregierbar. Unschädlich hingegen sind Volksabstimmungen wie in der Schweiz, bei denen das Minarett-Verbot herauskommt …So gesehen ist es nur verständlich, dass A. Merkel und N. Sarkozy bei ihrem Kollegen E. Papandreou ordentlich Maß nahmen. Ob der gut aussehende Grieche, der zweifellos die Hauptrolle in einem Melodram über die Bedeutung des Olivenexports für sein Heimatland besetzen könnte, und seine Regierung dies überleben? Nein, nie und nimmer!Ein wahrer Künstler in Fragen des Überlebens ist der italienische, geschätzt, 1,34-Meter-Mensch S. Berlusconi. Bis heute hat er während seiner Amtszeit gefühlte drei Millionen Misstrauensvoten und Vertrauensfragen unbeschadet überstanden. Ein echter Mann eben. Er sollte nur hin und wieder in den Personalausweis seiner jeweiligen Begleitung schauen, ob diese wirklich schon den 13. Geburtstag gefeiert hat. Klar ist: Sobald das Weichei Papandreou erst einmal abgefrühstückt ist, nehmen sich Merkel, Sarkozy und die Finanzmärkte den potenten Silvio vor. Im Ernstfall könnte er gemeinsam mit dem Papst immer noch eine Boutique in Wuppertal (unsere Verneigung vor Loriot) aufmachen. Oder – besser – einen Escortservice für die Hinterbänkler der Lega Nord …Die weltweiten Finanzmärkte wissen einstweilen nicht so recht, was sie von der ganzen Chose halten sollen. DAX, DOW und Co. schwanken beinahe im Stundenrhythmus wie ein schwedischer Matrose auf einem dänischen Butter-Kutter. "Alles wird gut", möchten wir eingedenk der früheren ZDF-Wallemähne Nina Ruge unseren Verwandten,  Freunden und Bekannten zurufen. Wenigstens langfristig gesehen. Wobei eben dieses "langfristig" auch ziemlich heikel ist – eingedenk John Maynard Keynes’. Er konstatierte zu Recht, dass wir langfristig alle tot sind. Weshalb er seinen 125. Geburtstag am 5. Juni 2008 nicht mehr erlebte.Wird der Euro in Griechenland kurzfristig, langfristig oder überhaupt nicht tot sein? Keine Ahnung! Mag sein, die Griechen sind auch gar nicht mehr so wichtig und wir übersättigt vom EU-Katastrophen-Hickhack. Was nur menschlich wäre und dem bekannten Tsunami- und Fukushima- sowie Kölner Hochwasser-Effekt entspricht. Spätestens nach fünf Tagen aufgeregter Berichterstattung haben sich die meisten von uns ab- und ihrem Tsaziki, Krautsalat und Oliven-Gyros zugewandt.

Verfasser:
Heinz-Josef Simons, Finanzjournalist aus Köln
Erstellungsdatum: 04.11.2011


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