Markt und Meinung - Oktober 2011
Es saugt und bläst der Heinzelmann, …
… wo die Hausfrau sonst nur saugen kann. In Anbetracht des viel zu frühen Ablebens eines Loriot haben – so scheint es jedenfalls – diverse Schuldenkrisen, Währungskatastrophen und Aktiencrashes eine eher relative Bedeutung. Dabei ist sowieso klar, zumindest an den Stammtischen, was unsereins vom Griechen als solchem halten soll. Faul ist er. Außer Bifteki, Oliven, griechischem Wein und Mykonos gibt’s eh nichts Gescheites. Der lange Zeit letzte Höhepunkt war vor Ewigkeiten das Zusammengehen des Reeders mit der Kennedy-Witwe. Googelt man in diesen Tagen nach dem Griechen an sich und was ihn so ausmacht, dann trifft man ganz oben unweigerlich auf folgendes Zitat, das dem Tierfreund Bernhard Grzimek zugeschrieben wird: „Einst lehrten uns die Griechen die Demokratie. Heute leeren sie unsere Mülleimer“. Wie sagte einst der Maler Max Liebermann so treffend: Ich kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.
Was die Brüder und Brüderinnen an den Stammtischen nicht weiter anficht, weil sie sowieso ihre Meinung haben und der Grieche nun mal so ist, wie er ist. Der Italiener dito, der Portugiese ebenso, und der Spanier erst recht. Allein um die Iren ist es in den vergangenen Monaten dann doch sehr ruhig geworden.
Wären da nicht die FDP und ihr Gesundheits-Wirtschafts-Vorsteher Phillip Rösler. Nachdem der Wählerzuspruch seit Monaten in beinahe nicht mehr messbare Regionen sinkt, wollen die Liberallalas mit aller Kraft Boden gut machen. Genau so ist Röslers kundgetane Meinung, selbstverständlich vorsichtig formuliert, die Griechen sollen ruhig Pleite gehen, zu verstehen. Er war augenscheinlich nüchtern, als er dies hören ließ. Was man von seinem Wirtschafts-Vorgänger nicht immer behaupten konnte. Um das zu betonen: Was Rösler sagt, mag ja richtig sein. Aber musste er es gerade jetzt plappern und so den Crash-Turbo zuschalten. Schlag nach bei Erhards Ludwig.
Ja, ich verstehe den frischen Top-Liberalen durchaus. Nachdem der neue Spitzenmann erst den globalen Guido abgemeiert und dann auch noch behauptet hatte, die Richtung der Außenpolitik werde von der Partei vorgegeben, fehlte noch was. Zu befürchten steht, dass nach Röslers Diktum die FDP in den Wählerbefragungen wieder ein paar Zehntel Prozentpunkte zulegt.
Josef Ackermann und seine Vorstandskollegen vor allem bei den französischen Banken werden vor Wut die Fäuste in den Taschen geballt haben. Haben doch Röslers Überlegungen etwa die Deutsche, die Soc.Gen. und die BNP Paribas etliche Milliarden Euro Marktkapitalisierung gekostet. Was doof ist für die Eigentümer, vulgo: Aktionäre, und auch nicht gut kommt, sobald mit den Aufsichtsräten wieder über Boni geredet wird. Ganz zu schweigen von der Commerzbank, die dank einer Kapitalerhöhung ihren Börsenwert vor ein paar Monaten auf rund zwölf Milliarden Euro hieven konnte und mittlerweile davon wieder ein Drittel verloren hat.
Da muss der DAX einfach fallen, der EuroStoxx dito. Und weil der Bund Future scheinbar unaufhaltsam steigt, muss auch die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen scheinbar ins Bodenlose sacken. Glücklich, wer jetzt als Privatperson kreditwürdig ist und eine Immobilie finanzieren möchte. Gut möglich, dass es Baudarlehen mit zehnjähriger Zinsbindung, wenn auch vielleicht nur ein paar Tage lang, für weniger als drei Prozent effektiv geben wird.
Immobilienmakler in Deutschland berichten übereinstimmend, dass sie mittlerweile auch den größten Schrott, in dem noch nicht einmal ein Messie leben möchte, hochpreisig loswerden. Tragisch nur, dass nicht mehr so viel Schrott verkauft werden kann, weil momentan nicht mehr so viel Schrott angeboten wird.
Ja, es ist ein tristes Bild, das fast jeder gefragt und ungefragt skizziert. Doch gerade daraus können wir, die allgemein als unbedarft geltenden, zugleich aber sehr gierigen Privatanleger ein wenig Zuversicht schöpfen. Bekanntlich ist die Stimmung, ob nun euphorisch oder depressiv, ein Kontra-Indikator. Wer in diesen Wochen und Monaten fast alles verkauft hat, der hat kaum noch etwas, das er auf den Markt schmeißen kann.
Felsenfest darauf verlassen würde ich mich an Ihrer Stelle allerdings nicht. Zumal es den mit Panik in den Augen großen Ausverkauf, der erfahrungsgemäß die Trendwende vorbereitet, noch nicht gegeben hat. Die drei Prioritäten von institutionellen Investoren und Privatanlegern lauten deshalb – in dieser Reihenfolge: Nur kein Geld verlieren. Nur kein Geld verlieren. Nur kein Geld verlieren. Weshalb sie deutsche Staatspapiere kaufen, als gäbe es morgen keine mehr. Und weshalb sie bei derzeit 2,5 Prozent Inflationsrate auch reale Kaufkrafteinbußen akzeptieren.
Was der anbetungswürdige und eine Nudel im Gesicht verschiebende Vico von Bülow wohl dazu gesagt hätte? Sagen Sie jetzt nichts, Fräulein….
Verfasser:
Heinz-Josef Simons, Finanzjournalist aus Köln
Erstellungsdatum: 16.09.2011
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